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Fasnacht muss...

Mi 05.04.2017 13:07
 

Der Stainlemer-"Zeedel" zur Ausstellung "Feldexperimente" im Rahmen der Basler Doku-Tage

Neben den Exponaten vom "Völkerball"-Zug wurde ich gebeten, einen kantigen Text zum Thema "Fasnachts-Mut" zu schreiben, der wie ein "Zeedel" bei der Ausstellung aufliegt.

Daneben hat es bei der Ausstellung "Feldexperimente: Fasnacht" auch Zeedel von Boris Nikitin, Namoni Gregoris, Michael Luisier und weiteren.

Fasnachtstradition wird nur an der Grenze gerettet

Ein glitzernder Pierrot. Ein böser Waggis. Eine „Wall Of Sound“ mit 40 Tambouren.
Ein einzelner Pfeifer am Gemsberg. Die Basler Fasnacht hat zahllose Facetten, die sich in nur 72 Stunden entladen (müssen). Heerlig, nit?

Ein Blick über den Tellerrand zeigt schnell: Die Basler Fasnacht ist einzigartig im bitterbös-humorvollen Anprangern von Missständen. Alles andere - sorry - gibt's anderswo irgendwie
auch.
Also: Wenn ich etwas für die Fasnacht tun will, dann spiele ich als Sujet aus, was mir unter den Nägeln brennt. Das ist grundsätzlich in jeder der 72 Fasnachts-Stunden möglich.
Für Cliquen gibts dafür sogar eine eigens geschaffene Plattform: den Cortège auf den breiten Ausfallstrassen. Der bietet während zweimal vier Stunden am Montag- und Mittwochnachmittag die Möglichkeit, "abzurechnen".
Auf den übrigen 64 Stunden ist Raum und Zeit für jede Form von Musikalität und fasnächtlicher Selbstverliebtheit, die sich in aufwändigen Glitzer- oder in improvisierten Lumpen-Kostümen ausdrücken darf und soll.

Auf dem "musikalischen Wasteland" Cortège jedoch hat bauchnabelbezogene Selbstbeweihräucherung nichts verloren. Hier gilt das Primat des sujet-orientieren Humors, bissig und bitter, böse und gallig, so, dass das Publikum angesprochen und – ja! - unterhalten wird. Wer das nicht begriffen hat, schadet dem Cortège und der Basler Fasnacht.

Bei den vielen Wegen, ein Sujet attraktiv umzusetzen, braucht es vor allem eins:
Herzblut.
Wie können wir unsere Idee für die Menschen am Strassenrand am besten darstellen?

  • Brauchen wir dazu vielleicht eine 3D-Laterne aus Draht?
  • Oder einen vertonten Rap-"Zeedel"?
  • Oder geht das am besten, wenn wir - horribile dictu – für einmal auf das Piccolo verzichten?

Wer diese Fragen nicht stellen mag, sollte den Cortège meiden.
Der traditionelle Kern der Basler Fasnacht wird nur dort bewahrt, wo Fasnächtler Sujets bis an die Schmerzgrenze schärfen und zuspitzen. So, dass die Zuschauer nicht mehr wegschauen können und wollen. Alles andere auf dem Cortège ist bloss Beigemüse. Und ohne den Biss der Sujets ist die Basler Fasnacht bald nur noch inhaltsleerer Fasching.

Mit der Sujet-Umsetzung einen „Wurf“ zu landen, das beinhaltet das Risiko, auch mal zu scheitern oder Grenzen zu verletzen. Nicht so schlimm, die nächste Fasnacht kommt wieder.
Und wo soll das Risiko möglich sein, wenn nicht in diesem 72-stündigen Basler Alltags-Time-Out? Der legendäre Basler Fasnachts-Narr legt uns ans Herz: "Die beschti Waffe gege d Macht, isch wenn me offe drüber lacht!"

Also auf, ihr Fasnächtler und Fasnächtlerinnen: Lasst die Fasnachts-Stadt erschallen von Eurem Gelächter!

Thierry Moosbrugger, Tambour und Theologe

Autor: Webmaster

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